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Corona Blues: Interview mit unserem Dirigenten

Henning Straßburger, Dirigent im JEB seit 2015

Henning, inwiefern hat sich das Orchester deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert?
Seit 2015 ist das Orchester enorm gewachsen. Damit sind wir in der Lage, so ziemlich jedes Repertoire zu spielen, inklusive der Sonderinstrumente wie Kontrafagott oder Alt-Klarinette. Wir sind also wirklich sinfonisch und haben ein hohes Qualitätslevel erreicht. Außerdem hat sich das Orchester für mein Empfinden sehr geöffnet und ist schnell bereit, Neues auszuprobieren – das war nicht immer so.

Was unterscheidet das JEB-Konzertorchester von anderen Orchestern in der Szene?
Ich glaube, wir verfolgen ein sehr zeitgemäßes Konzept, was ein „Blasorchester“ heute sein kann. Wir verstecken uns nicht als Nischenprodukt, sondern bieten eine Programmatik, die inhaltlich qualitativ ist – wie zum Beispiel beim Bauhauskonzert mit Originalwerken wie der Hindemith Sinfonie in B, kombiniert mit einem Professoren-Fachvortrag, anstatt einer Moderation. Es war unterhaltsam, aber so fundiert, dass wir selbst im offiziellen Jubiläumsprogramm des Bauhauses gelistet waren. Wir versuchen, in Berlin mit seinen unübersichtlich vielen Events wahrgenommen zu werden und da muss man sich mehr einfallen lassen, als vielleicht auf dem Land, wo Blasmusik per se populär und identitätsstiftend ist.

Was macht den Sound des JEB aus? Wie hat er sich in den letzten Jahren entwickelt? Besteht noch Luft nach oben?
Ich habe versucht, den Klang von oben nach unten umzudefinieren. Als ich das Orchester übernommen hatte, galt noch die Devise: die Besten spielen 1. Stimme, hoch und laut. Aber das umzukehren, dass der „Druck“ von unten aufgebaut wird, das ergibt dann den „Sound“. Das bedeutet aber konstante Arbeit, deswegen versuche ich auch ständig die Sitzordnung zu optimieren.
Dirigiertechnisch versuche ich voraus zu dirigieren. Dadurch hat der Klang mehr Zeit sich zu entwickeln. Das ist für ein Blasorchester aber schon eine enorme Herausforderung.

Gibt es Komponisten die zu deinen persönlichen Favoriten gehören?
Absolut. Alfred Reed finde ich einfach großartig, weil er so komponiert hat, wie ich mir den Klang eines Blasorchesters vorstelle. Und immer wenn man glaubt, es kann nicht himmlischer sein, setzt er noch ein English Horn oder Euphonium/ Tenorhorn oben drauf. Zum Sterben schön!

Welche Werke wolltest du schon immer mal dirigieren?
Im Sinfonieorchester Bruckner 4. und 8., Dvorak 9., Hänsel und Gretel und Candide von Bernstein. Für Blasorchester die „Herr der Ringe“ Sinfonie, aber das habe ich mir ja schon erfüllt, in unserer speziellen Bearbeitung mit Sprecher.

Konzert „Der Herr der Ringe“ 2018

Stößt du oder das Orchester manchmal an persönliche und musikalische Grenzen?
Ich kann sagen, dass uns „Short Ride in a fast Machine“ letztes Jahr ziemlich an die Grenzen gebracht hat. Die Minimalmusik, die einfach durchlaufen muss und sich dann verschiebt. Das war zum Spielen hart, zum Dirigieren und Proben ein absoluter Alptraum. Aber ich würde es am liebsten gleich wieder machen, es war im Konzert fantastisch!

Was ist das primäre musikalische und besetzungstechnische Ziel in den nächsten Jahren?
Wir haben ständig mit Besetzungswechseln zu kämpfen, weil Leute Berlin aus individuellen Gründen wieder verlassen. Ich hoffe einfach, dass wir weiterhin so großartige Neuzugänge bekommen, wie in den letzten Jahren. Besetzungstechnisch bräuchten wir noch 2 weitere Tuben und am besten 5 zusätzliche Schlagwerker.

Musikalisch würde ich uns spieltechnisch gerne noch flexibler bekommen. Ich weiß, dass wir da schon große Fortschritte gemacht haben, aber ich hätte es gern wie ein Lenkdrachen: die kleinste Bewegung der Hand führt zu großen Impulsen im Klangkörper.

Die Programme von 2020 sind ja bereits bekannt. Wie schaut der Plan für 2021 aus?
Durch die Corona-Krise müssen wir leider das „PINK NOISE“ Programm in 2021 verschieben, zum Glück hat der Solist Manuel Viehmann, Solotrompeter der Bielefelder Philharmoniker,  so viel Spaß mit uns in der Leseprobe gehabt, dass er sofort das Nachholkonzert bestätigt hat. Ich will dieses Programm unbedingt machen! Außerdem hoffe ich, dass wir weiterhin in so renommierten Konzertreihen wie den „Reinickendorf Classics“ spielen können.

Welche Wunschspielorte stehen auf deiner Liste?
Neulich stand auf den Kulturbereich bezogen ein Zitat in der Zeitung: “In Berlin war noch nie so wenig möglich, wie heute“. Das stimmt leider, denn die Konzertorte sind a.) unfassbar teuer geworden, b.) mit abstrusesten Auflagen belegt oder gehören c.) irgendwelchen Privatinvestoren á la Berggruen, die sie nur noch High End Kunden verfügbar machen. Insofern ist mein Wunsch nicht die Philharmonie, sondern Orte, die die Utopie der Kreativszene von Berlin beschreiben. Leerstehende Bahnhöfe, der (bald) geschlossene Flughafen Tegel, die Kugel vom Fernsehturm, in der Abhörstation Teufelsberg. Solche Orte.

Welche Projekte wären für dich ein Highlight in den kommenden Jahren?
Je experimenteller und grenzverschiebender, umso besser. Ich fände es toll, etwas mit einer Tanzkompanie zu machen und abgefahrenem Bühnenbild.
Im Unterhaltungsbereich würde ich mal gerne auf einer richtigen Showbühne spielen, mit professioneller Lichtshow und Soundtechnik, wo dann die Leute total aus sich rausgehen und tanzen, wenn wir da Gas geben. Wie im Club und richtig Berlin-style.

Das JEB während der Aufnahmen im Funkhaus Nalepastraße 2016


Wie schaut deine Vorbereitung für die Probenarbeit an einem sinfonischen Programm aus?
Zunächst sollen die Programme inhaltlich sein, also eine Message haben. Bei „Aufbruch in ein neues Leben“ sollte das kulturhistorisch aufzeigen, wie sehr auch die westliche Welt durch Migration definiert ist, beim Bauhaus ging es um die Verbreitung einer Fortschrittsidee trotz Verfolgung durch den Nationalsozialismus. Also versuche ich genaue Konzepte zu entwickeln, die nicht nur eine Aneinanderreihung von Stücken sind, nach dem Motto ein bisschen Musical hier, ein bisschen Soft-Sinfonik da. Ich will, dass es auch mal ans Eingemachte geht.

Wichtig ist dann, dass ich eine Vorstellung habe, wie ich das dem Orchester vermitteln kann. Die Musiker müssen wissen worum es geht, dann versteht es auch das Publikum.

Gab es jemals frustrierende Momente? Dramen?
Ein Orchester ist eine dynamische Ansammlung von Menschen, deswegen gibt es Drama, Frust, Glück und Euphorie im Überfluss. Das macht es doch aus!

 

Die Fragen stellte Lars Flottmann.

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