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Konzertabend mit Lecture Performance: DAS BAUHAUS – EXPORT EINER MODERNE

Ausverkauft! Das konnten wir schon am Abend der Generalprobe über unser BAUHAUS-Konzert sagen und was kann eine größere Motivation für ein Konzert sein? Wir hatten uns ein ambitioniertes und schwieriges Programm vorgenommen und freuten uns riesig über das große Interesse daran.
Und so füllte sich der wunderschöne Max-Taut-Saal Lichtenberg am Samstag Abend in Strömen und man konnte die Anspannung hinter der Bühne regelrecht knistern hören. Auch das Orchester stellte sich die Frage: Ein Konzert mit einer „Lecture Performance“, was sollte das sein?

Prof. Dr. Karlheinz Lüdeking von der Universität der Künste betrat zusammen mit dem Orchester die Bühne und begann mit seiner „Vorlesung“, die – wie er augenzwinkernd zu verstehen gab – nicht „prüfungspflichtig“ war.  Das Thema des Konzertes setzte mit der Schließung des Bauhauses in Dessau durch das NS-Regime ein und thematisierte, wie sich die Institution an den verschiedensten Orten neu begründete. Zunächst in Chicago, wo das new bauhaus entstand. Lüdeking zeigte den Wandel der Stadt zu einer Metropole aus Hochhäusern mit Stahlskelett und Glasfassade, durch die der eisige Wind des Lake Michigan weht und ihr so den Beinamen Windy City gab. Das JEB-Konzertorchester präsentierte mit der „WindyProf. Dr. Karlheinz Lüdeking City Ouverture“  von Johan de Meij dann einen imposanten Auftakt in den Abend. Die glasklaren, eiskalten Rhythmen der Röhrenglocken, die Blechbläserfanfaren und der fließend warme Klang der Holzbläser gaben einen ersten Eindruck in die spielerischen Qualitäten des 75 köpfigen Orchesters unter der Leitung ihres musikalischen Leiters Henning Straßburger.

Prof. Lüdeking präsentierte nun in seinem Vortrag Fotografien, in denen sich Figuren mit eigenartigen Metallhelmen auf modernistischen Stühlen mit Stahlrohrkonstruktionen räkelten und so die Utopie eines neuen Menschen beschworen. Ähnlich kühl und artifiziell komponierte Paul Hindemith 1951 seine „Sinfonie in B“, welche in einer komplexen Überlagerung von Grundmotiven spielerisch nicht nur alles von den Instrumentalisten abverlangte, sondern auch keine leichte Kost für das Publikum darstellte. Dass er mit dieser Art der Musik als „Bürgerschreck“ verschrien war, konnte man durchaus nachvollziehen. Das Orchester durchschritt jedoch selbstbewusst die Sinfonie mit ihren teils chaotisch komponierten Zuständen, mit den wirren Holzbläserläufen, den brutalen Blechbläserakkorden und den sich immer weiter überschneidenden rhythmischen Motiven. Dazwischen eroberten sich die exzellenten Soli des Alt-Saxophons und des Solo-Kornetts ihren Freiraum und die Feinheiten der Sinfonie traten schließlich zu tage. Dass das JEB-Konzertorchester dieses selten gespielte Originalwerk Hindemiths in dieser Qualität aufführen konnte, macht uns durchaus stolz. Das Publikum honorierte das 20minütige Werk nach seinen Schlussakkorden mit euphorischem Applaus.

Erstmals hatte das JEB ein großes externes Orga-Team für Garderobe, Kasse und Einlass vor Ort und so konnte in der Pause auch ein professioneller Barservice angeboten werden. Die Hindemith Sinfonie konnte man dadurch entspannt nachklingen lassen und es wurde auch fleißig darüber diskutiert.

 

Im zweiten Programmteil ging es mit John Adams post-minimalem „Short Ride in a fast Machine“ anspruchsvoll weiter. Ein nahezu penetrantes Wood-Block schlägt während des Stückes den Rhythmus durch, der manchmal zu stolpern scheint, im 7/8 Takt aussetzt, sich fängt und von den Bläsern überlagert wird. So minimal das Werk wirken mag, so komplex ist seine Struktur und mit Sicherheit eine der kompliziertesten Kompositionen, die das JEB je gespielt hat. Prof. Lüdeking referierte dann über die Rezeption des Bauhaus Designs, welches sich zum Teil über die nüchterne Formsprache belustigte und so den Bogen zu einem Werk wie „Short Ride in a fast Machine“ spann. Mit Kurt Weills „Three Aspects of Kurt Weill“ präsentierte das Ensemble schließlich einen Protestmarsch gegen die NS-Diktatur und mit dem Pariser Walzer mit dem wunderschön gespielten Altsaxophon-Solo und dem Broadway Swing konnte die Emigration des Bauhaus-nahen Komponisten in sein US-Exil nachvollzogen werden.
Prof. Lüdeking beendete seine Vorlesung schließlich mit der Vorstellung der Bauhaus-Kapelle, die neben „improvisiertem rhythmischen Krach“ auch jüdische Klezmermusik und osteuropäische Volkslieder aufführte. Eine hervorragende Einladung an das Orchester, mit den fantastischen „Yiddish Dances“ von Adam Gorb den Abend virtuos und rasant zu beenden. Mit den vielen Bläsersoli konnte das Orchester noch einmal seine Qualitäten ausspielen und wurde besonders von der Es-Klarinette regelrecht durch die Tänze gejagt. Lang anhaltender Applaus belohnte die Spielfreude des großen Orchesters.

Mit diesem Konzert wurde deutlich, dass sich ein sinfonisches Blasorchester auch an solche komplexen Themen wagen kann, da mit Werken wie der „Sinfonie in B“ von Paul Hindemith ein reichhaltiger Schatz in der Originalliteratur vorhanden ist. Durch die Ankündigung des Konzertes im offiziellen Bauhaus Jubiläumsprogramm konnte zudem ein Publikum gewonnen werden, welches noch nie zuvor in einem Blasorchesterkonzert war und sich von der hervorragenden Qualität des Konzertorchesters überzeugen konnte. Für uns war es ein unvergesslicher Abend!

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